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Amphicult

Rundbrief zur Herpetofauna NRW 38/5 - 2015

38/5 Das perfekte Laichgewässer für Amphibien – Erfahrungen aus der Praxis

Beitrag von Markus Richter
NABU Niedersachsen

Die Neuanlage von Laichgewässern ist eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen für Amphibien, ist doch der Mangel an geeigneten Reproduktionsgewässern in vielen Fällen die Ursache für den schlechten Zustand von Amphibienpopulationen. Im Rahmen des Projektes LIFE AMPHIKULT des NABU Niedersachsen e. V. wurden umfangreiche Erfahrungen mit der Neuanlage und Sanierung von Laichgewässern gesammelt. Der konzeptionelle Ansatz für ein „perfektes“ Laichgewässer sowie einige praktische Aspekte der Umsetzung sollen im Folgenden kurz dargestellt werden.

Das Projekt LIFE AMPHIKULT („Management und Vernetzung von Amphibien in der Kulturlandschaft Niedersachsens“) läuft seit Anfang 2010 unter Trägerschaft des NABU Niedersachsen in 20 Projektgebieten. Das Projektbudget von 1,068 Mio. € stammt zu 50 % aus dem Förderprogramm LIFE der Europäischen Union, die übrigen Mittel steuern das Land Niedersachsen, die Landkreise Diepholz, Vechta und Schaumburg sowie die Region Hannover bei. Nach einer Verlängerung um ein Jahr sollen bis Ende 2015 insgesamt etwa 350 Laichgewässer neu angelegt oder saniert werden. Daneben werden Maßnahmen zur Entwicklung von Landlebensräumen sowie zur Information und Kommunikation durchgeführt. Zielarten des Projektes sind Laub-, Moor- und Kleiner Wasserfrosch sowie Kreuz-, Wechsel- und Knoblauchkröte. Bis November 2014 waren 214 Gewässer in der Größe von 200 bis 4.000 m⊃2;; sowie 292 Kleinstgewässer von 1-10 m⊃2;; neu angelegt oder saniert worden. Durch die Einbindung der in den Projektgebieten tätigen Naturschutzorganisationen, die ebenfalls über langjährige Erfahrungen in der Gewässerneuanlage verfügen, stand ein umfangreicher Erfahrungsschatz im Bau von Gewässern zur Verfügung.

Bei der Planung der Laichgewässer wurde drei Aspekten besondere Beachtung geschenkt:

1. Die Gewässer sollen sich leicht erwärmen können. Das bedingt das Vorhandensein von Flachwasserzonen, auch bei unterschiedlichen Wasserständen, sowie die Abwesenheit beschattender Vegetation.

2. Die Gewässer sollen gelegentlich austrocknen, idealerweise alljährlich im August/September, wenn die Zielarten ihre Reproduktion abgeschlossen haben.

3. Der Pflegebedarf der Gewässer ist bereits bei der Planung zu berücksichtigen.

Zu 1.: Ausreichende Besonnung ist für die meisten der Zielarten wesentlich, damit sie ein Gewässer zur Fortpflanzung überhaupt annehmen. Hohe Wassertemperaturen beschleunigen zudem die Entwicklung von Laich und Larven und verringern somit die Zeit, in der diese der Prädation ausgesetzt sind. Durchgehende Böschungsneigungen von mindestens 1:5, besser 1:10, gewährleisten, dass auch bei wechselnden Wasserständen immer Flachwasserbereiche vorhanden sind. Eine Beschattung lässt sich einerseits durch die Standortwahl abseits vorhandener Gehölze vermeiden. Andererseits finden sich an den offenen Böschungen neu angelegter Gewässer oft sehr rasch Gehölzkeimlinge ein, die in wenigen Jahren ein Gewässer ungeeignet machen können. Hier ist von vornherein die Notwendigkeit von Pflegemaßnahmen einzuplanen (s. 3.), um das Aufwachsen der Gehölze zu verhindern.

Abb. 1

Sehr flache Böschungsneigungen und volle Besonnung sorgen für warmes Wasser. An diesem Gewässer reproduzieren Kreuzkröte und Laubfrosch sowie fünf weitere Arten.

Zu 2.: Ein regelmäßiges Trockenfallen reduziert oder eliminiert Fressfeinde von Laich und Larven, wie Fische, Großlibellenlarven u.a. In dauerhaft wasserführenden Gewässern ist die Ansiedlung von Fischen häufig nicht zu vermeiden, eine Beseitigung von Fischen nur mit sehr großem Aufwand, wenn überhaupt, möglich. Temporäre Gewässer können in niederschlagsarmen Jahren zu früh für eine erfolgreiche Reproduktion trockenfallen. Einzelne Ausfalljahre sind aber eher zu verkraften, als das vollständige Ausfallen der Reproduktion durch Fischbesatz.

Abb. 2

Trocknen Gewässer nach Ablauf der Reproduktion aus, werden Fische und andere Fressfeinde von Laich und Larven ferngehalten (22 August 2013).

Zu 3.: Kleingewässer sind grundsätzlich pflegeabhängige Lebensräume. Vollständiges Zuwachsen durch Schilf, Rohrkolben und/oder Gehölzen kann neu angelegte Gewässer innerhalb weniger Jahre ungeeignet machen. Das allgemein hohe Nährstoffniveau der Landschaft beschleunigt die Prozesse des Zuwachsens und der Verlandung. Gerade die wertvollen Flachwasserbereiche sind davon besonders betroffen. Durch das Einbeziehen der Gewässer in extensive Weidesysteme kann diesen Prozessen schonend und wirkungsvoll begegnet werden. Auch mechanische Methoden, wie Mahd der Ufervegetation, Ausziehen von Gehölzkeimlingen oder Rückschnitt von Gehölzen, sind geeignete, aber aufwendigere Methoden. In jedem Fall sollte die Pflegenotwendigkeit bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden. Viele gut gemeinte Gewässerneuanlagen haben keinerlei Wirkungen für gefährdete Amphibienarten erzielt, da die Pflegenotwendigkeit nicht bedacht wurde und von den Gewässern nach wenigen Jahren nur Rohrkolbensümpfe oder Weidengebüsche übriggeblieben sind. Die Intensität der Pflege entscheidet auch wesentlich über Eignung für die unterschiedlichen Zielarten. Für Kreuz- und Wechselkröte, die Gewässer mit Offenboden bzw. geringer Vegetationsdeckung bevorzugen, ist ein entsprechend höherer Pflegeaufwand erforderlich.

Abb. 3

Wo immer möglich, wurden die Gewässer von LIFE AMPHIKULT auf beweideten Flächen angelegt. Die Weidetiere sorgen für eine schonende und kostengünstige Pflege.

Bei den Maßnahmenflächen des Projektes LIFE AMPHIKULT handelt es sich ganz überwiegend um vorhandene Naturschutzflächen in öffentlichem Eigentum. Diese wurden in der Regel für andere Schutzziele, z.B. den Wiesenvogelschutz, erworben. Teilweise handelt es sich auch um Ausgleichsflächen für Eingriffe, wobei die Gewässeranlagen zusätzlich zu den auf den Flächen liegenden Kompensationsverpflichtungen erfolgten.

Bei der Planung eines Gewässers war zunächst die hydrologische Situation der Maßnahmenfläche bzw. der Typ des entstehenden Gewässers zu klären. Als wichtigste Typen sind Grund- und regenwassergespeiste Gewässer zu unterscheiden. Bei grundwassergespeisten Gewässern folgt der Wasserstand des Gewässers in etwa dem Grundwasserstand. Um das gelegentliche Trockenfallen des Gewässers zu gewährleisten, wird als Aushubtiefe der Tiefststand des Grundwassers im Spätsommer, ermittelt durch eine Probegrabung, ermittelt. Je nach Grundwasserverhältnissen und Bodenart betrug die Aushubtiefe bei den AMPHIKULT-Gewässern zwischen 60 und 180 cm.

Regenwassergespeiste Gewässer entstehen in abflusslosen Senken über wasserstauenden Schichten. Ihre Wasserführung wird stark von der Größe des Einzugsgebiets bestimmt, aus dem das Wasser in die Senke zusammenläuft. Die Wasserführung ist damit stärker vom Witterungsverlauf abhängig als die der grundwassergespeisten Gewässer und somit schwieriger planbar. Damit bei verschiedenen Witterungsverläufen dennoch immer Gewässer mit ausreichender Wasserführung vorhanden sind, empfiehlt es sich, mehrere Gewässer mit unterschiedlichen Tiefen im räumlichen Verbund anzulegen.

Auch bei Gewässersanierungen ist die Unterscheidung zwischen grund- und regenwassergespeisten Gewässern wesentlich. Die Wasserführung eines grundwassergespeisten Gewässers kann durch Vertiefen verbessert werden. Wird ein regenwassergespeistes Gewässer vertieft, kann dabei die wasserstauende Schicht durchstoßen werden, was die Wasserführung verschlechtert.

Verschiedene weitere Aspekte waren bei der Planung zu berücksichtigen:

In Überschwemmungsgebieten der Flussauen unterliegen Gewässeranlagen häufig besonderen Auflagen. Zur Sicherung des Retentionsraumes für Hochwässer ist oft die Ablagerung des Aushubs vor Ort nicht erlaubt. Eine Abfuhr des Bodens aus dem Überschwemmungsgebiet kann jedoch die Gewässeranlage schnell dramatisch verteuern. Hier wurde frühzeitig mit den zuständigen Wasserbehörden nach Lösungen gesucht.

Auf Versorgungsleitungen im Boden musste in zahlreichen Fällen besondere Rücksicht genommen werden. Baumaßnahmen einschließlich der Ablagerung des Aushubs im direkten Umfeld der Leitungen sind in der Regel nicht zulässig. Aber auch wenn nur die Trasse der Leitung bei der Anfahrt der Baumaschinen gekreuzt wird, sollte vorab unbedingt mit den Leitungsbetreibern Kontakt aufgenommen werden. Eine Markierung der Leitungstrasse im Gelände sowie die Einweisung der Baufirma werden in aller Regel von den Leitungsbetreibern kurzfristig und kostenfrei durchgeführt.

Das Thema Altablagerungen/Altlasten ist besonders bei der Wiederherstellung ehemaliger Gewässer von Belang. In vergangenen Jahrzehnten sind Kleingewässer häufig mit Abfall verschiedenster Arten verfüllt worden. Dieser muss bei einer Wiederherstellung des Gewässers ordnungsgemäß entsorgt werden, was ganz erhebliche Kosten verursachen kann. In der Regel ist selbst die Erkundung eines Altlastenverdachtsstandorts teurer als eine einfachere Gewässerneuanlage an einem unbelasteten Standort.

Auch im Bezug zu möglichen archäologischen Fundstätten empfiehlt sich eine frühzeitige Recherche und im Zweifelsfall eine Verschiebung des Gewässerstandorts.

Drainagen finden sich an grundwassernahen Standorten sehr häufig unter landwirtschaftlich genutzten Flächen. Soweit der Flächeneigentümer/-nutzer keine Auskunft erteilen kann, ist eine Kontrolle der angrenzenden Gräben auf einmündende Drainagen nach stärkeren Niederschlägen sinnvoll. Oft werden Drainagen aber erst bei den Baggerarbeiten entdeckt. Werden diese bei der Gewässeranlage angeschnitten, können sie eine unerwünschte Entwässerungswirkung entfalten. Es empfiehlt sich dann, die Drainagen auf einigen Metern Strecke vollständig mit dem Bagger auszubauen und die dabei entstehenden Gräben sorgfältig zu verfüllen. Eine Außerbetriebsetzung von Drainagen ist aber in jedem Fall mit dem Flächeneigentümer abzustimmen.

Die Frage, ob eine Genehmigungspflicht für Kleingewässerneuanlagen besteht und welche Unterlagen für einen Genehmigungsantrag einzureichen sind, stellt sich bei jeder Maßnahme neu. Nach den Erfahrungen des Projektes AMPHIKULT kann hierzu keine pauschale Antwort gegeben werden. Die Anforderungen der verschiedenen Wasserbehörden sind durchaus unterschiedlich. Es empfiehlt sich in jedem Fall frühzeitig mit der zuständigen Behörde Kontakt aufzunehmen und Art und Umfang der einzureichenden Unterlagen abzuklären. Zu beachten ist dabei, dass die Bearbeitung eines Antrags mindestens fünf Wochen, oft aber sehr viel länger dauert. Auch werden häufig Genehmigungsgebühren fällig. Auch über deren Höhe lässt sich keine pauschale Aussage treffen, in manchen Fällen wurde auf Antrag von einer Gebührenerhebung ganz abgesehen.

Eine genauere Planung einer Gewässerneuanlage hinsichtlich Tiefe, Größe, Böschungsneigung und Verbleib des Aushubs liefert auch die notwendigen Daten für eine Preisabfrage bei den Tiefbaufirmen. Im Verlauf des Projektes AMPHIKULT zeigte sich, dass ein gewisser Aufwand bei der Suche nach einer geeigneten Firma sowie bei der Durchführung einer Ausschreibung bzw. Preisabfrage lohnt. Das Ausheben einer Vertiefung im Boden mit dem Bagger erscheint zwar relativ einfach, es zeigt sich aber, dass hierzu doch ein gewisses Know-how erforderlich ist, insbesondere auf grundwassernahen Standorten. Oft verfügen eher kleinere Firmen über die entsprechende Erfahrung und bieten ihre Leistungen meist zu deutlich günstigeren Preisen an, als z.B. große Straßenbaufirmen. In jedem Fall sollten Preise immer bei mehreren Firmen angefragt werden. Preisdifferenzen von 100% zwischen dem günstigsten und dem teuersten Anbieter sind nicht ungewöhnlich, gelegentlich liegen die Angebotspreise noch deutlich weiter auseinander.

Der Verbleib des Aushubs ist ein wesentlicher Aspekt der Planung. Eine Abfuhr sollte aus Kostengründen möglichst vermieden werden. Im Optimalfall lassen sich damit Sommerlebensräume und/oder Winterquartiere gestalten. Auf Wiesen ist ein Einplanieren mit anschließender Einsaat erforderlich.

Quellen

Weitere Informationen zum Thema finden sich auf der Internetseite des Projektes www.life-amphikult.de unter Aktuelles/Seminar am Dümmer „Anlage und Pflege von Amphibienlaichgewässern“

Literatur
Richter, M., Müller, M. & Buschmann, H. (2011): Das Amphibienschutzprojekt LIFE AMPHIKULT des NABU Niedersachsen. - RANA 12: 51-56.
Richter, M. & Buschmann, H. (2013): 300 Teiche für Niedersachsen – das LIFE-Projekt AMPHIKULT. - Mertensiella 19: 174-177.

Anschrift

Dr. Markus Richter (Projektmanager)
NABU Niedersachsen
Alleestraße 36
30167 Hannover
Tel: 05037 9685 371
Fax: 0511 91105-40
E-Mail: Markus.Richter@NABU-Niedersachsen.de

Letzte Änderung am Sonntag, 5. Februar 2017 um 20:05:37 Uhr.

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